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Phantastisches Ostbayern. Märchenhafte Geschichten und wundersame Ereignisse

Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS), Regionalgruppe Ostbayern (Hg.)

SüdOst-Verlag, Regenstauf 2017, ISBN 978-3-86646-787-3, Ladenpreis 16,90 EUR

Beitrag: Märchen „Die Erbse und der Mond“

 

unterwegs

unterwegs / cestou
Geschichten aus Westböhmen und Ostbayern
Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS), Regionalgruppe Ostbayern (Hg.)
Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 2015, ISBN 978-3-7917-2658-8, Ladenpreis 14,95 EUR; E-Book-Ausgabe: ISBN 978-3-7917-6061-2 (Format epub), Ladenpreis 11,99 EUR

Beitrag: Parallelgeschichten „Fliehen, fliegen, scheitern“ (Deutsch/Tschechisch)

 

bethlehem

Bethlehems Begebenheiten. Geschichten rund um den Stall
Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS), Regionalgruppe Ostbayern (Hg.),
Spielberg Verlag, Regensburg, 2013, ISBN 978-3-95452-638-3, Ladenpreis 19,95

Beitrag: Erzählung „Sternreise“

 

pegasus

Passauer Pegasus. Zeitschrift für Literatur, Heft 48/49
Karl Krieg / Edith Ecker / Stefan Rammer (Hg.),
Passau, 2013, ISSN 0724-0708, Ladenpreis 12,00 EUR

Beitrag: fünf Gedichte

 

herzenslandschaften

Herzenslandschaften / Krajiny našich srdcí
Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS), Regionalgruppe Ostbayern und Zentrum westböhmischer Schriftsteller (Hg.)
Kern Verlag, Regensburg, 2011, ISBN 978-3-934983-40-3, Ladenpreis 9,90 EUR

Beitrag: ein Gedicht (Deutsch/Tschechisch)

 

wortgefahrten

wortgefährten weggefährten
wolf peter schnetz zum 70. geburtstag
Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS), Regionalgruppe Ostbayern (Hg.)
Regensburg, 2009

Beitrag: zwei Gedichte

 


querfeldein
Alte ŠKODA-Fotos aus Pilsen, neue Texte aus Ostbayern und Böhmen
(Broschüre und Ausstellung auf Bannern)
Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS), Regionalgruppe Ostbayern (Hg.)
Regensburg, 2007-2009

Beitrag: Texte zu einigen Fotos in der Broschüre und auf den Ausstellungsbannern

 


Zweimal Luther. Zwei Predigten über den Zinsgroschen, Matthäus 22, 15 – 22
,
Windecker Verlag, Windeck, 1980
ISBN 978-3-88446-001-6
(vergriffen)

 

tgaw

Thematischer Grund- und Aufbauwortschatz Englisch,

völlige Neubearbeitung 2009, Buch mit 560 Seiten (zweifarbig) und integrierter Audio-CD-ROM (Aufnahme aller englischen/amerikanischen Wörter, Ausdrücke und Beispielsätze des Buches als MP3-Dateien, Gesamtlaufzeit 13 Stunden und 35 Minuten), Ladenpreis 19,99 EUR
Auszeichnung durch die Stiftung Buchkunst als „eines der schönsten Schulbücher 2009“
Ernst Klett Sprachen GmbH, Stuttgart,
ISBN 978–3–12–519515–8 (portofrei über den Autorenwelt Shop zu beziehen)

Zu diesem Buch mit CD-ROM sind 2011 zwei Lernkarteien erschienen, die nach dem gedächtnisfreundlichen „5-Fächer-Prinzip“ funktionieren:

Lernkartei Thematischer Grundwortschatz Englisch,

4000 englische Wörter und Wendungen; 973 Lernkarten mit je 1 – 8 inhaltlich zusammenhängenden Wörtern, Ladenpreis 16,40 EUR
ISBN 978-3-12-519509-7 (portofrei über den Autorenwelt Shop zu beziehen)

Lernkartei Thematischer Aufbauwortschatz Englisch,

3000 englische Wörter und Wendungen; 808 Lernkarten mit je 1 – 8 inhaltlich zusammenhängenden Wörtern, Ladenpreis 16,40 EUR
ISBN 978-3-12-919508-0 (portofrei über den Autorenwelt Shop zu beziehen)

2014 ist der Thematische Grund- und Aufbauwortschatz Englisch auch als E-Book in sämtlichen gängigen Formaten erschienen, Ladenpreis 16,99 EUR, ISBN 978-3-12-909015-2

 

Thematischer Grund- und Aufbauwortschatz Englisch mit Phase 6

2017 wurde der Thematische Grund- und Aufbauwortschatz Englisch  als Ausgabe inklusive zweier Lernapps von phase6 zu den beiden Wortschatz-Niveaus veröffentlicht: Ladenpreis 29,99 EUR, ISBN 978–3–12–519544–8, www.klett-sprachen.de/tgawe6


NEXT Starter Companion und NEXT Starter Reference,
Hueber Verlag, Ismaning, 2006
ISBN 978-3-19-042930-1 und 978-3-19-072930-2


Thematischer Grund- und Aufbauwortschatz Englisch,
Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 1987/1993/2000, Ladenpreis 20,50 EUR
ISBN 978-3-12-519511-0 (portofrei über den Autorenwelt Shop zu beziehen)


Übungsblätter/Kopiervorlagen zum Thematischen Grund- und Aufbauwortschatz Englisch,

Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 2002, Ladenpreis 19,99 EUR
ISBN 978-3-12-519521-9


Trainingsbuch zum Thematischen Grund- und Aufbauwortschatz Englisch,
Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 2003, Ladenpreis 11,00 EUR
ISBN 978-3-12-519532-5

Taschenwortschatz Englisch,
PONS/Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 2001
ISBN 978-3-12-519632-2
(vergriffen)


On the Way 1 – 3. Lehrwerk für Erwachsene

Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 1981-1984
ISBN 978-3-12-500100-8 u. a.
(vergriffen)

 

MEMO. Wortschatz- und Fertigkeitstraining zum Zertifikat Deutsch als Fremdsprache
(Lehr- und Übungsbuch mit 2 Audio-CDs, zweisprachige Lernwortschatz-Hefte),
Langenscheidt Verlag, 1995–1996
ISBN 978-3-468-49790-2
(vergriffen)


Wortschatz-Lernkartei Deutsch als Fremdsprache (Niveau A1)
AOL-Verlag/Persen Verlag, Buxtehude, 2005
ISBN 978-389-111772-9

 

Bausteine Deutsch 1-4
(u. a. die Titel Telefonieren / Schriftliche Mitteilungen und Gespräch/Besprechung/Diskussion),
Langenscheidt Verlag, München, 1982–1985
ISBN 978-3-468-49821-3 u. a.
(vergriffen)

 

Leseprobe aus meinem Roman-Manuskript Partei-Nr. 109

3  Kind der Schande

Kaum zehn Jahre später, Januar 1914. Kein kalter Winter, man kann den Frühling schon riechen an manchen Föhntagen, wenn der Himmel türkis und weiß gefiedert ist.

In dieser Zeit besichtigen Kaiser, Könige und Admiräle ihre Schlachtflotten, beugen sich Feldmarschälle über Aufmarschpläne, legt der Industrieadel seine Rüstungsrenditen in Gold und Schweizer Franken an.

In dieser Zeit zerfällt manchen Dichtern die kostbare Bildersprache unter der Feder. Malern in Paris, München und Moskau kommen die Gegenstände abhanden. Einige Komponisten schreiben in mehr und anderen Tönen, als bisher üblich war. Wer erfährt’s, wen beunruhigt es?

In diesen Wochen wirbelt am Rhein der Karneval, am Main und an der Isar tobt der Fasching. Die Tanzveranstaltungen sind überfüllt wie noch nie, die selbst erfundenen Masken fantastischer, die Menschen dahinter leidenschaftlicher und begeisterter als je. Viele spüren dunkel, dass etwas Riesenhaftes bevorsteht, sehen Schwarzweißrot, „schimmernde Wehr“ oder „Stahlgewitter“, gleichviel, wie ein hohes Altarbild.

Dora Türk und Anton Roth kommen aus benachbarten Dörfern am oberen Main, sie sind beide 19, in evangelischer Strenge erzogen. Sie kennen sich ein wenig aus dem zweijährigen Präparanden- und Konfirmanden-Unterricht, haben einander nach ihrer gemeinsamen Konfirmation aus den Augen verloren.

Anton Roth hat nach der Schulzeit zwei Jahre als Knecht in der Landwirtschaft des Barons von Künßberg gearbeitet und wenig Geld verdient. Mit gerade 17 Jahren, im Herbst 1911, hat er sich freiwillig zum Militär gemeldet und auf zwölf Jahre verpflichtet. Gelandet ist Anton bei den „Leibern“, dem Königlich-Bayerischen Infanterie-Leibregiment in München, einer Elitetruppe, von der man im weißblauen Königreich mit Hochachtung und Stolz spricht.

Auf Heimaturlaub nach Oberfranken kommt er Anfang 1914 in der schwarzroten Ausgehuniform eines Unteroffiziers und zieht bewundernde Blicke auf sich. Das Ehrenkleid der Nation hat magnetische Kräfte: Nicht nur die jungen Mädchen fliegen auf „stramme Soldaten“.

Dora Türk hilft der Mutter, zusammen mit ihren Schwestern und Brüdern, das ärmliche Bauernzeug in Mainleus über Wasser zu halten, das der Vater schon fast versoffen und verspielt, schließlich in höchster Geldnot für ein Darlehen an einen reisenden jüdischen Viehhändler und Geldverleiher verpfändet hat.

Im Januar 1914, auf einem Faschingsball im Saal des Mainleuser Dorfgasthauses, inmitten des derben Maskengetümmels, treffen Dora und Anton aufeinander, beim Walzer mit Partnerwechsel. Nur eine Runde dürften sie eigentlich miteinander tanzen –, aber nach diesem Tanz loslassen, das geht einfach nicht, vergessen sind die Regeln. Während sie sich schwindlig drehen, während Anton über seinen lustigen und ärgerlichen Kasernenalltag schwadroniert, sagt Dora wenig, schaut ihn genau an und denkt sich viel:

‚Wie trocken und warm seine Hände sind, die Uniform ist schneidig, passt zu ihm, wie er sich verändert hat seit damals, ich spür’ lange feste Muskeln an seinem Arm, er hat’s geschafft, ist weg von zu Haus’, er steht auf eigenen Beinen, zu Besuch würd’ ich auch lieber heimkommen, aber wo sollt’ ich denn hingeh’n? Ich hör’ ihm gern zu, er plaudert wie ein Bub und ist dabei schon Soldat, hoffentlich gibt’s nie einen Krieg, solang ich leb’, wie leicht er tanzt, noch nie bin ich so geschwebt …‘

Der Unteroffizier Johann Georg Roth spürt, dass sich etwas wiederholt, was doch vorher noch nie gewesen sein kann. Er erinnert sich an die oft gehörte Geschichte, wie seine Mutter und sein Vater einander kennengelernt haben, damals im Gut Oberau, beim Tanz. Und dass der Vater Jude war und … . Ein starkes Gefühl strömt aus seiner Hand auf Doras Rücken. Sie riecht nach Kernseife und Wäsche von der Leine, ihre Augen sind taubengrau und ein wenig traurig, obwohl sie lächelt, mager und fest fühlt sie sich an, sie arbeitet viel auf dem Feld und im Stall, aber nur noch eine Kuh und ein paar Ziegen haben sie …

Längst sind Walzer und letzte Runde vorbei, der Saal hat sich geleert, der Heimweg zu Doras Elternhaus ist ihnen viel zu kurz. Sie gehen einen Umweg, unten am Main entlang. Dora zeigt ihm im eisblauen Mondlicht den Platz, wo zu Frühjahrsbeginn die Flöße zusammengebaut werden, mit denen der Vater ‒ ‚Der Lump! Der Säufer!‘, denkt sie ‒ und die anderen Flößer jedes Jahr den Main und den Rhein ganz hinabfahren bis nach Rotterdam. Der Vater kommt spät, im Juni oder Juli, mit Schulden zurück statt mit gutem Geld für gutes Holz …

„Die große Reise beginnt hier, bei uns!“, sagt sie, trotzdem sehr stolz. „Und dort oben wohn’ ich.“

Der spitze Giebel eines Bauernhäuschens wird langsam sichtbar, während sie den schmalen, steilen Wiesenweg hinaufsteigen, Dora voraus, Anton dicht hinter ihr, sie hört ihn heftig atmen und er sie. Als sie fast an der Gartentür sind, die Zaunlatten schwarz und scharf zu sehen wie ein Eisengitter, dreht sie sich um und fasst nach seiner Hand:

„Magst du mich? Nimmst du mich mit, weg von hier, weit weg? Ich halt’s hier nimmer aus!“

Sie weint plötzlich, Anton versteht nicht, legt seine Uniform-Arme um sie wie einen schwarzen Mantel. Lang stehen sie so, Dora wird still.

„Ja, wohin du willst“, sagt er leise.

„Komm“, flüstert sie, „da hinein, da ist’s wärmer“ und zieht ihn durchs geöffnete Gartentürchen zu einem niedrigen Bau abseits vom Wohnhaus, der sich an die schwarze Masse des benachbarten Gutshofes von Johann und Margareta Schwarz lehnt. Drinnen riecht es aromatisch warm nach Kuh und Milch, es gibt Heu zum Hinsetzen, nur blasses Mondlicht sickert durch zwei flache Oberlichter in den Stall.

Anton fällt sofort die Weihnachtsgeschichte ein, die er erst vor wenigen Wochen, wie jedes Jahr, gehört hat, Luthers Wortgebirge, gewaltig im Klang wie ein Orgelstück, intoniert vom Pfarrer auf der Kanzel:

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging …“

‚Nur der Esel und das Kind fehlen‘, schießt es ihm durch den Kopf.

Lange sitzen sie still, Dora zittert und denkt an ihre Mutter, die sicher nicht schläft und im Bett lauschend auf sie wartet – da spürt sie seine Hand an der Brust und seine Lippen auf ihrem Mund. Sie ist überrascht, plötzlich tief aufgewühlt, sie schwankt zwischen einem ungekannten Glücksgefühl und schierer Angst. Dora fühlt, er wartet auf ihre Antwort, sie zögert, will ihn zurückschieben ‒ dann gibt sie doch nach, das Heu riecht herb und süß.

Erst drei Monate später, im April 1914, sahen sie sich wieder. Viele Briefe hatten sie gewechselt, Dora passte immer heimlich den Postboten ab, damit die Mutter keinen Verdacht schöpfte. Denn Barbara Türk hatte nicht nur ihren Mann Konrad satt, den verzweifelten Säufer und Spieler, sie schloss auch alle anderen Herren der Schöpfung mit in ihr Urteil ein, vernichtend und endgültig.

„Lasst die Finger von den Männern!“, sagte sie ihren Töchtern immer wieder, „Die taugen alle nix!“

Und die drei Mädchen blinzelten sich zu, jede dachte an ihren Verehrer, die bitter ernst gemeinten mütterlichen Ermahnungen erreichten sie nicht.

Als Dora im Februar und auch im März vergeblich auf ihre Monatsblutung wartete, verfinsterte sich ihr der Himmel von Tag zu Tag, obgleich draußen das Licht täglich zunahm und die Luft immer häufiger nach Frühling roch. Sie schrieb Anton nichts von ihren Sorgen, nur kürzer angebunden, einsilbiger wurde sie von Brief zu Brief. Er spürte die aufsteigende Finsternis, verstand jedoch nichts Genaues, fragte auch nicht nach in seinen Briefen, versuchte stattdessen sie aufzuheitern:

Bald hab ich Urlaub, dann sehn wir uns jeden Tag, ich freu mich so!

Sie hatten sich am Hügel über dem Dorf verabredet, wo die ansteigenden Äcker von querlaufenden Schlehenhecken und Baumreihen aufgefangen wurden. Nur noch ein einziges schmales Feld dort gehörte zu Doras Elternanwesen; die Wintergerste hatte kräftig ausgetrieben, Kulmbacher Mälzereien brauchten viel davon für die großen Brauereien, aber sie zahlten schlecht.

Anton musste auf Dora warten. Er saß am Feldrain vor einer blühend weißschwarzen Schlehenmauer und blickte auf das Dorf und die großen Spinnereihallen hinunter, die der Kommerzienrat Hornschuch an der Bahn entlang hatte errichten lassen. Viele Dorfleute arbeiteten dort, der „Herr Direktor“ hatte sogar eine eigene Wohnsiedlung mit Gasthaus und Kindergarten für seine Arbeiterfamilien gebaut. Von der Landwirtschaft und der Flößerei allein konnten in Mainleus, wie überall am oberen Main, nur noch wenige leben.

Anton sieht Dora sofort, als sie hinter der Böschung am Bahndamm auftaucht. Sie trägt Arbeitskleidung, Kittelschürze und Kopftuch, sie geht nicht schneller, blickt nicht auf, als er den Hang hinab ihr entgegenläuft. Anton merkt erst etwas, als er sie in die Arme nimmt: Sie fühlt sich steif und kalt an.

„Was ist?“, fragt er, „Freust’ dich gar nicht?“

„Doch“, sagt sie leise, „nur …“

Und sie erzählt, dass sie ein Kind bekommt, von ihm, die Nacht im Stall …

Anton ist wie betäubt, spürt eine ganze Zeit lang gar nichts. Dann kehren seine Gefühle zurück, eine seltsam flackernde Begeisterung steigt auf:

„Ja, gut, dann wird eben geheiratet! Ich kann dich doch ernähren, als Unteroffizier!“

„Und du meinst, es reicht für uns drei?“, fragt Dora zurück.

Er schließt sie ganz fest in die Arme, beruhigt sie:

„Ja, ja, ganz bestimmt …“

Sie treffen sich jeden Tag, die ganze Urlaubswoche lang, oben am Feldrain. Sie reden und schweigen auch viel: Die Schwangerschaft, ihre Zukunft, die Eltern, die Leute bei ihr und bei ihm im Dorf, die wachsende Angst vor einem großen Krieg in Europa machen ihnen Sorgen. Aber immer zugleich halten sie sich fest an dem hoffnungsvollen Bild einer Zukunft, die sie entschlossen sind zu teilen: die geplante Hochzeit, das Kind, eine gemeinsame Wohnung – und die sogar in der Hauptstadt München!

Sie verabreden, dass Anton bei seinem nächsten Urlaub um ihre Hand anhalten wird, wie sich’s gehört. Und im Sommer wird dann geheiratet.

Dora steht nicht am Bahnsteig, als die kleine Dampflokomotive den Personenzug anzieht, mit dem Anton zurück zur Münchener Garnison fährt. Sie winkt stattdessen von der Wiesenböschung, hinterm Haus der Tante, mit ihrem Kopftuch. Und er ruft ihr aus dem weit offenen Abteilfenster etwas zu, was sie nicht versteht, er schwenkt die Pickelhaube lange, bis Doras weißes Tuch und das Dorf versunken sind hinterm Bahndamm.

Aus Doras rechter Hand hängt schlaff das Tuch, ihre Linke krampft sich um ein kleines, in Rotgold gefasstes Medaillon. Anton hat es ihr beim Abschied verlegen in die Hand gedrückt; es zeigt ihn als braun-weiße Fotografie, jung, ernst, in Ausgehuniform und Helm, so, wie er gerade im Zugfenster gestanden hat.

Die schlanke junge Frau steht lange, schaut dem bildlosen Zug nach, bis der Geruch des Kohlenrauchs verweht ist. Sie setzt sich ins höher werdende Gras am Hang und weint, leise erst, dann wird das Schluchzen tiefer und wilder, der Schmerz erstickt sie fast, Angst schüttelt sie:

‚Was soll das mit uns werden? Das geht nicht gut. Ich fürcht’ mich so!‘

Mit diesem Wirbel von Gefühlen im Bauch, wo sich manchmal schon etwas bewegt, steht Dora auf und geht heim durch den Garten der Tante. Die Mutter wartet auf sie. Der Vater ist krank, kann nichts mehr arbeiten, sie wird daheim gebraucht.

Als Dora die Klinke der Haustür drückt, spürt sie, dass die Mutter nicht allein ist. Eine ungute Ahnung steigt auf:

‚Uns wird doch niemand gesehen haben ‒ ?‘

In der Küche sitzt, am Tisch vorgebeugt, nah bei der Mutter, eine Nachbarin, die schlimmste Klatschtante des Dorfes ‒

‚Grad die!‘

Die Mutter ist blasser als sonst, schaut ihre Tochter nicht an, als die eintritt und grüßt und unsicher stehen bleibt. Schweigen, unerträglich, erstickend. Dora weiß sofort: Das abgebrochene Gespräch ist um sie gegangen und um den Anton!

Schnell verabschiedet sich die Nachbarin, mit schrägem Blick nach unten auf den Bauch der 19-Jährigen. Die Mutter bleibt schweigend sitzen, endlos lang. Dann sagt sie:

„Setz dich!“

Diese zwei Wörter lösen in Doras Kopf einen Film aus, der rasend schnell rückwärts läuft, bis sie sich als Schulmädchen sieht, neun oder zehn Jahre alt, karierte Kittelschürze, lange dünne Zöpfe, barfuß vor dem unbarmherzigen Oberlehrer Hetz stehend. Sie ist zu spät zur Schule gekommen, ein paar Minuten nur, wegen der Stallarbeit am Morgen. Er hat die dünne Weidenrute noch in der Rechten, die sich dreimal in ihre offene kleine Hand eingebrannt hat, für immer … . Er sagt mit schneidendem Ton: ‚Setz dich!‘

„Ich muss mit dir reden“, sagt die Mutter endlich.

Wieder langes Schweigen. Dann kommen die wasserblauen Augen der Barbara Türk hoch, suchen den Blick der Tochter, prüfend, tief beunruhigt. Es kommt die Frage, mitten ins Herz, Dora hat sie erwartet und verliert doch fast das Bewusstsein:

„Stimmt’s, dass du eine Liebschaft mit dem jungen Roth aus Veitlahm hast?“

„Ja.“

„Seit wann?“

„Kurz erst.“

Schweigen wieder, erdrückend wie ein Albtraum. Dora spürt, es wird noch viel schlimmer kommen. Endlich spricht die Mutter, zögert nach jedem Halbsatz, zu schwer wiegt jedes Wort:

„Weißt du, … dass der Vater … von deinem Roth … ein Jud ist, … aus der Coburger Gegend?“

Das Herz bleibt Dora stehen, rast dann los, kein Gedanke, Dunkel explodiert, alles löst sich auf, fliegt auseinander, die Erde schwankt, als sei Krieg —

„Der Anton – ein Jud?“, flüstert sie stimmlos, nicht an die Mutter gerichtet, die hört es kaum. Doras Gedanken laufen davon: ‚Ein Jud wie der Viehhändler, dem unser Haus und Grund und Vieh gehört, der uns beim nächsten Zinstag ins Armenhaus schicken wird? Nein, nie, nie!!!‘

Sie schaut die Mutter an und erkennt, dass die an dasselbe denkt:

‚Der Vater, der alles verspielt und versäuft, weil er sieht, er kann die Familie nicht ernähren, seinen Kindern keine Zukunft geben. Und dann immer wieder die Besuche des Juden, dem erst das Vieh, dann die Felder, am Schluss das Haus und der Stall verpfändet werden, ganz korrekt, mit Brief und Siegel, gegen ein paar tausend Goldmark Kredit bei jährlichen Zinsen. Die sind zwar nicht so hoch wie bei der Bank in Kulmbach, aber wir können sie niemals zahlen – wenn uns nicht wieder die Tante aus der Stadt hilft …‘

Ohnmacht, Scham, Abscheu, Zorn schütteln die zwei Frauen, sie sind sich in dieser Agonie plötzlich so nahe, wie sie vorher einander fremd waren in der Beziehung zu Anton Roth. Ihre Sehnsucht nach sicheren, sauberen, geordneten Verhältnissen fühlen beide von allen Seiten bedroht, von innen und von außen. Und die allergrößte Bedrohung ist für sie jetzt DER JUD:

‚Der Wucherer, der Blutsauger!‘

In diesem Augenblick sieht sich Dora mehr auf der Seite der Mutter, der Geschwister, sogar des Vaters, den sie im Stillen schon so oft verwünscht hat – auf der anderen Seite sieht sie im gleichen Moment Anton mit gesenktem Blick dastehen und hinter ihm, im Halbdunkel, den breit grinsenden jüdischen Viehhändler, seine schwere Hand auf Antons Schulter … . Dora will zu Anton hin, will ihn wegreißen von dem Anderen – da hält sie das in Trauer und Widerwillen erstarrte Gesicht der Mutter zurück —

Das schmerzende Bild löst sich auf, verbrannt von einem Höllengedanken:

‚Der Mann, den ich lieb hab’ über alles – ist der Sohn von einem Juden! Und er hat’s mir nicht gesagt, er hat mich betrogen, verführt, ausgenutzt … und unser Kind, mein Kind, ein Judenkind! – LIEBER GOTT, hilf mir doch!’

Die Sinne schwinden Dora, sie stürzt vornüber vom Stuhl, schlägt sich die Stirn blutig am Küchentisch. Die Mutter schreit nach den anderen Töchtern, zu dritt tragen sie die Bewusstlose ins Bett, die Holztreppe hinauf, vorbei an der Schlafkammer des Vaters, der röchelnd seinen Rausch vom letzten Wirtshausabend ausschläft.

Der Unteroffizier Anton Roth in München bekommt fünf Briefe lang keine Antwort aus dem Fränkischen. Endlich, nach Wochen, ein dünnes Kuvert, Doras Schrift. Er reißt es auf, verschlingt die wenigen Zeilen, totenbleich wird er beim Lesen:

Du hast mir nicht gesagt, dass dein Vater ein Jud ist. Alle haben es gewusst, nur ich nicht! Und das Kind ‒ das ist die allergrößte Schande, die du mir antun konntest!

Es ist alles aus. Ich kann dich nicht heiraten, unser Hof ist an einen jüdischen Geldverleiher verpfändet. Und ich will dich nicht mehr sehen, nie mehr!

Schreib keine Briefe mehr, bitte.

Dora

Der Schmerz wirft ihn um, er liegt am Boden, Tränen strömen ihm übers Gesicht. Alles schwarz, leer, verschwunden die junge Frau am Bahndamm, gelöscht der stramme Soldat im Abteilfenster, übrig nur der Judensohn, der kein Christ sein darf wie alle andern, in Schande ausgestoßen die Judenhure und ihr Balg, das schmalhändige Glück von ein paar Winter- und Frühlingstagen ausgewischt …

Als Anton zu sich kommt, ist es Abend. Er weiß jetzt, was er tun wird:

‚Sofort Urlaub nehmen, heimfahren, mit Dora sprechen, bei ihren Eltern um sie anhalten, sie mit unserem Kind ehelichen! Es muss alles noch gut werden!‘

Der Kompaniechef, dem Anton sein dringendes Urlaubsgesuch persönlich vorgetragen hat, schaut ihn lange schweigend an.

„Heiratsurlaub wollen Sie, Roth? Wo denken Sie denn hin? Jetzt, wo jeden Augenblick der große Krieg losbrechen kann, wo wir vielleicht schon in ein paar Tagen ins Feuer geschickt werden? Welchem armen Mädel wollen Sie das antun, dass es nach ein paar Wochen oder Monaten als Witwe in Schwarz geht? – Überhaupt: Wir haben Urlaubssperre, Gesuch abgelehnt, wegtreten!“

Anton taumelt, stolpert hinaus. Für ihn ist der Krieg längst ausgebrochen: Hinter ihm, wo er herkommt, steht alles in Flammen. Und vor ihm hängt schwarzer Rauch in der Luft, tosender Kanonendonner, Schrappnell-Geheul.

Zurück im Quartier findet er sich zum Glück allein, die Stubenkameraden nutzen den vielleicht letzten Münchener Ausgang. Jetzt hat Anton nur noch eine Hoffnung. Er holt Schreibpapier, Federhalter, Tinte aus seinem Spind und setzt sich an den Tisch. Er weiß, er schreibt um sein Leben.

Liebste Dora!

Nach deinem Brief war ich wie tot und ich bin’s noch!

Warum hast du mir nicht eher erzählt, dass euer Hof an einen jüdischen Viehhändler verpfändet ist? Ich hätt dir erklären können, dass ich damit nichts zu tun hab. Und ich bin ein Deutscher und getauft wie du! Was sollen da die alten Geschichten, dass mein Vater ein Jud war in seiner Jugend? Er ist Christ geworden, weil er eine Christin geliebt hat, er hat seine Eltern und Geschwister verlassen − nie mehr gesehen hat er sie! Und er hat beim Baron, der ja nur gut Evangelische anstellt, bis zu seinem Ruhestand gedient.

Lass dich nicht verrückt machen von den Tratschweibern! Ich gehör zu dir und zu unserm Kind − erzähl ihm, dass ich Soldat bin und gar keiner mehr sein will, sondern heim möcht zu euch.

Der Leutnant hat gesagt, dass es bald Krieg gibt, und hat mir den Urlaub abgeschlagen. Ich wollt zu dir fahren und um dich anhalten, damit alles gut wird. Aber ich kann nicht, außer ich desertiere. Darauf steht die Todesstrafe.

Trotzdem, ich wüsst einen Ausweg: Komm du nach München! Hier redet niemand schlecht über uns. Ich such uns eine Wohnung, und wir heiraten gleich. Weißt du noch, im Winter an eurem Gartenzaun hast du mich gefragt, ob ich dich mitnehm, weg von daheim? Jetzt ist es so weit, ich halt mein Versprechen – komm!

Du musst mir glauben, dass ich dich und unser Kind lieb hab wie nichts auf der Welt. Schreib mir bald und komm, bevor’s zu spät ist!

Dein dich immer liebender Anton

 Dora liest den Brief im Stall, wo sie mit Anton gelegen hat in ihrer einzigen Liebesnacht. Dort ist es jetzt hell und kalt, die letzte Kuh ist weg, der jüdische Geldverleiher hat sie abgeholt als Anzahlung auf den Jahreszins. Sie verkaufen nun auch die Milch ihrer drei Geißen, notgedrungen, unter anderem an die wohlhabenden Nachbarn im Gutshof; in einer kleinen Milchkanne trägt Dora sie aus, die ist schwarz und weiß gesprenkelt, mit rostigen Stellen, wo das Email abgeplatzt ist.

Als sie heute die Milch hinübergebracht hat, da hat die Nachbarin erzählt, dass ihre älteste Tochter Trina mit ihrer Familie jetzt in der Pfalz wohnt, ganz nahe an der französischen Grenze. Und dass Trina Angst hat davor, ihr Mann könnte bald zum Militär eingezogen werden, „wenn’s gegen die Franzosen geht“.

Das und vieles mehr schießt Dora gleichzeitig durch den Kopf, während sie Antons Brief wieder und wieder liest:

‚Ob er sich nur – typisch jüdisch? – drücken möcht’ vor dem Heimfahren und dem Heiraten? Oder tu’ ich ihm Unrecht? Ich hab’ Angst, dass ich das letzte Stückchen Sicherheit verlier’, das Elternhaus, die Familie, wenn ich zu ihm nach München geh’. Und überhaupt, vielleicht ist er ja jetzt schon in Frankreich?‘

Der Strudel widersprüchlicher Gefühle lähmt sie. Dazu kommen die wilden Gerüchte, die im Dorf um ihren Geliebten kreisen und ihr den Kopf schwindlig machen: Sie sei nicht die erste, er habe schon mehr junge Mädchen ausgenutzt und sitzen lassen; überhaupt würden Juden christliche Frauen nur benutzen, aber niemals ehelichen; außerdem sei Anton lungenkrank – der Doktor habe das selbst gesagt – und dürfe überhaupt nicht heiraten, deswegen sei er auch nach München verschwunden …

Da beschließt Dora, ihre Schwestern ins Vertrauen zu ziehen, sie um Rat zu fragen. Die Brüder wollen ohnehin keine „Weibergeschichten“ hören, sie arbeiten tagsüber schwer ‒ einer beim Schreiner, die anderen zwei in der Spinnerei ‒ und abends auch noch auf dem armseligen elterlichen Hof, die Erntezeit beginnt bald, der Sommer ist drückend heiß.

Mathilda und Lina sind einige Jahre älter als Dora, jede hat einen Verehrer, der eine ist ein kleiner Bauer vom Jura, der andere ein junger Baumeister, der davon träumt, die Quadratur des Kreises endlich mathematisch präzise zu lösen. Sie haben der jüngeren Schwester zugehört, Antons letzten Brief gelesen, das rotgoldene Medaillon in der Hand gewogen, geschwiegen, die Gesichter gesenkt, keine sagt etwas, Dora wartet.

„Ich glaub’ nicht, dass er ein Lump ist“, sagt Lina endlich. „Aber heiraten kannst ihn hier nie – und nach München geh’n, ich hätt’ Angst davor …“

Da fährt Mathilda auf:

„Ein anständiger Mensch nutzt kein Mädchen aus, das noch gar nichts weiß vom Kinderkriegen, und verschwindet dann, weit weg, und lässt sie allein sitzen! Da merkt man, dass er halt doch ein Jud ist, die haben die Geilheit und die Betrügerei im Blut. – Ich tät’ die Finger von ihm lassen, auch wenn er dreimal Unteroffizier wär’ und schöne Briefe schreibt!“

Die Schwestern reden noch lange, auch über die Zukunft und den drohenden Krieg und die Männer, die ihnen den Hof machen. Dora hört zu, spürt manchmal eine Bewegung ihres Kindes im Bauch, es friert sie bis ins Herz, sie hat sich entschieden.

 

Immer wieder betrachte ich das Bild von Anton Roth im Medaillon, Braun auf Sandweiß, Kriegsjahr 1914. Er blickt melancholisch ins Abseits trotz Gala-Uniform und Pickelhaube – ihre Spitze hat sich in die goldene Fassung gebohrt und bleibt für immer darin stecken.

Es ist Nacht, die Hügel am Fluss sind schwarz übermalt. Wolken, aufkommender Wind, Wetterwechsel.

 

Leseprobe aus meinem Roman-Manuskript Finale. Ein Roman über die Zukunft des Lebens

1

Seit dem Jahr 1900 war die durchschnittliche Temperatur auf der Oberfläche des Planeten um 5 Grad Celsius angestiegen, davon allein seit dem Jahr 2000 um katastrophale 4 Grad. Viele wichtige Hafenstädte waren ganz oder zu großen Teilen vom Meer überflutet: New York, Boston, Miami, Rotterdam, Amsterdam, Hamburg, London, Dublin, Belfast, Barcelona, Marseille, Venedig, Lagos, Mumbai, Kolkata, Dhaka, Jakarta, Surabaya, Pnom Penh, Bangkok, Rangun, Ho-Tschi-Minh-Stadt, Manila, Taipeh, Hongkong, Guangzhou, Shanghai, Tokyo, Osaka, Nagoya und viele andere. Die Bevölkerung hatte sie ganz oder teilweise verlassen müssen. Deshalb waren die Übersee-Wirtschaft und der Welthandel weitgehend zusammengebrochen.

Denn die Gletscher der Welt waren bis auf wenige extrem hoch gelegene Eisflächen im Himalaya und in den Anden vollständig abgeschmolzen, die darin gespeicherten Süßwasser-Reserven verloren, in den Meeren zu Salzwasser geworden. Auch die Eiskappe der Arktis war vollständig, die der Antarktis zu 80 Prozent abgetaut. Im Ergebnis war der Meeresspiegel um etwa vier Meter gestiegen, die bewohnbare Landfläche der Kontinente hatte um ca. zehn Prozent – rund 15 Millionen Quadratkilometer − abgenommen.

Die mehr als 12 Milliarden Menschen litten wie die überlebenden Tiere und Pflanzen unter extremer Hitze und Trockenheit, schweren Unwettern, Wasser- und Nahrungsmangel. Zusätzlich betraf eine nie vorher gekannte Energie-Knappheit die Menschheit: Drei Jahrhunderte zügelloser Verbrennung von Kohle, Erdöl und Gas für die Güterproduktion, den Verkehr, für Transportsysteme, Heizung und Kühlung hatten die fossilen Energie-Reserven der Erde fast vollständig aufgebraucht, die Atemluft vergiftet und eine unerbittlich ansteigende Klima-Überhitzung verursacht.

In klimatisch und wirtschaftlich besonders schwer betroffenen Gebieten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, aber zunehmend auch in Nordamerika und Europa, brachen instabile Staaten zusammen. Dort nahm brutale Gewalt einzelner sozialer Gruppen gegeneinander überhand; Grenzkriege um die Lebensgrundlagen Wasser und fruchtbares Land brachen immer häufiger aus und schwelten oft jahrzehntelang. Vor allem an die Macht geputschte Militärregierungen erwiesen sich als von den vielschichtigen Problemen total überfordert und griffen zu gewaltsamer Unterdrückung der zunächst protestierenden, dann massiv revoltierenden Staatsbürger.

In dieser Krisensituation schlossen sich zwölf nicht-kommerzielle Internet-Communities zu einer AKTION LEBEN mit dem zweifachen Ziel zusammen: das Leben auf der Erde zu sichern und parallel dazu den nächstgelegenen erdähnlichen Exoplaneten im Sonnensystem Proxima Centauri als mögliches Menschheits-Exil zu erkunden. Dieser Planet war bereits in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts im Rahmen eines Forschungsprojekts unter dem Namen SPACECHIP aus dem Orbit erkundet worden; dabei wurden flüssiges Wasser, Temperaturen zwischen – 40° und + 40° Celsius und eine erdähnliche Atmosphäre vorgefunden. Beim momentanen Stand der Astrophysik und der Antriebstechnik war „Proxima Cen b“ mit bemannten Raumschiffen in etwa 20 Reisejahren zu erreichen.

Ein von allen Netzwerk-Mitgliedern gewählter Zwölferrat aus sechs Frauen und sechs Männern übernahm die exekutiven Funktionen der AKTION LEBEN. Dieser RAT entwickelte Konzepte für das Planen und Handeln in der Zukunft, die von einer legislativen VERSAMMLUNG ‒ 360 Aktivistinnen und Aktivisten aus aller Welt – im Netz öffentlich diskutiert, modifiziert, angenommen oder abgelehnt wurden. Die Versammlung wurde von der Internet-Nutzerbasis der zwölf Communities gewählt: je 120 Abgeordnete zur Vertretung der Menschen, der Tiere und der Pflanzen. Letztere zwei Gruppen bestanden aus führenden Bio-Ökologen der Menschheit.

Den schnell anwachsenden Finanzbedarf der AKTION deckte man durch intensives Crowdfunding und ausnahmslos anonyme Spenden ohne Zweckbindung aus allen sozialen Schichten.

Nach über einem Jahrzehnt intensiver Planungsarbeit unter Nutzung des Forschungsstandes sämtlicher relevanten Wissenschaften ging die AKTION weltweit über alle Medien an die Öffentlichkeit. Sie forderte Bürger und Regierungen auf, sich ihrem Konzept für die Zukunft des Lebens auf dem Planeten und einen möglichen globalen Exodus anzuschließen. Dieses Konzept enthielt sieben zentrale Forderungen:

1 Das PRINZIP LEBEN ist der höchste Wert in ausnahmslos sämtlichen Wirklichkeitsbereichen der Erde. Er gilt gleichermaßen für alle Lebewesen: Pflanzen, Tiere und Menschen. Oberstes Ziel allen Lebens auf unserem Planeten ist deshalb seine eigene Erhaltung in allen vorhandenen Formen. Die folgenden sechs Forderungen und alle weiteren denkbaren Ziele sind ihm untergeordnet.

 2 Die Erde dient allen Lebewesen zugleich und ungeteilt als Lebensraum. Daraus ergibt sich, dass EIGENTUM – insbesondere das EIGENTUM an Grund und Boden – ausschließlich in Händen einzelner Menschen, Gruppen, Institutionen, Firmen usw. die grundlegenden Rechte und Ansprüche aller anderen Lebewesen verletzt.

Deshalb wird das PRINZIP EIGENTUM auf allen sozialen Ebenen aufgehoben und durch das PRINZIP LEHEN ersetzt: Alle Menschen führen die gesamten Erträge aus ihrem Lehensbestand an die Gemeinschaft der Lebewesen ab und erhalten von dieser eine für alle Personen gleich hohe Ertragsbeteiligung, die ihr Leben in Würde, aber ohne Luxus sichert. Mit dem Lebensende eines Menschen geht sein gesamter Lehensbestand an die Gemeinschaft zurück; niemand hat mehr das Recht auf ein Erbe. Das PRINZIP ERBE ist damit ebenfalls aufgehoben.

Mit dem Entfallen der Antriebe von EIGENTUM und ERBE ergibt sich die Möglichkeit, auch das PRINZIP PROFIT aus dem Wirtschafts- und Sozialleben zu verdrängen. Die AKTION strebt über die ersten zwei Generationen ein Wirtschaftssystem an, das ohne Wachstum und ohne Gewinn/Rendite/Profit auskommt.

 3 Das Leben auf der Erde wird durch viele Formen von GEWALT bedroht, die ausschließlich von Menschen und ihren Einrichtungen ausgeht: Waffen, Militär, Kriege; individuelle und Gruppen-Verbrechen, Terrorismus; schrankenloser Konsum, unbegrenzter Individualverkehr, Massentierzucht und -haltung, Monokulturen; lebensfeindliche Produkte, Produktionsformen und Industrieanlagen; Energiegewinnung und -verbrauch, die nicht Teil des irdischen und solaren Materie- und Energie-Kreislaufs sind; Produktion von Gütern und Verpackungen, die nicht zu 100 % Recycling-fähig sind; Zerstörung oder Vergiftung von unersetzlichen Lebensräumen wie Meere, Wälder und Gebirge.

Als erster Schritt werden weltweit innerhalb von drei Jahren sämtliche Waffen vernichtet und das Militär wird aufgelöst. Alle anderen Formen von Gewalt gegen das Leben werden in maximal 10 Fünfjahresphasen abgebaut und durch lebensfreundliche Projekte, Berufe und Aktivitäten ersetzt. Das PRINZIP FRIEDEN gilt dann in allen Lebensbereichen.

4 Unterschiedliche BILDUNG ist eine der wichtigsten Ursachen sozialer Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die Konflikte bis hin zu Bürgerkriegen auslösen, andere Lebewesen bedrohen und zugleich menschliches wie wirtschaftliches Potenzial vergeuden.

Deshalb übernimmt die AKTION die weltweite Verantwortung für lebenslange Bildungsangebote an alle und finanziert sie aus den Lehenserträgen, unabhängig von Verwandten, Partnern, Firmen, Staaten und sonstigen Dritten. Alle regional und in den Anforderungen unterschiedlichen Qualifikationen sowie im Ergebnis auch alle Berufe haben gesellschaftlich den gleichen Wert und erzielen dasselbe Einkommen.

5 Aufgrund regional und sozial unterschiedlicher Lebensbedingungen haben die Menschen weltweit sehr unterschiedliche KRANKHEITEN, Krankheitsverläufe und eine ungleiche Lebenserwartung. Dabei geht den Einzelnen Lebensqualität und der Gemeinschaft menschliches Potenzial verloren.

Deswegen wird ein weltweit gleiches GESUNDHEITSSYSTEM entwickelt und eingeführt, zu dem die AKTION für alle Menschen aus ihren Lehenserträgen gleich hohe Beiträge zahlt. Jede und jeder bekommt aus diesem System die gleichen guten medizinischen Leistungen. Alle bisherigen öffentlichen und kommerziellen Krankheitsversicherungen werden gleichzeitig abgeschafft. Ihr Vermögen geht in den Welthaushalt der AKTION über.

 6 Viele gegenwärtige Konflikte auf der Erde entstehen aus der KONKURRENZ unterschiedlicher RELIGIONEN, Weltanschauungen, Ideologien und ihrer Anhänger-Gruppen. Dabei geht häufig die Orientierung an solchen Werten und Zielen verloren, die die Menschen untereinander und mit allen anderen Lebewesen verbinden.

Deshalb greift die AKTION das Projekt WELT-ETHOS auf, das von einem christlichen Theologen und seinen MitarbeiterInnen im 20. Jahrhundert entworfen wurde, und entwickelt es zu einer WELT-VERFASSUNG weiter, die nach erdweiter Diskussion, Modifikation und Abstimmung zum Grundgesetz der gesamten Menschheit werden soll.

7 Alle WÄHRUNGEN der Erde werden zu einer gemeinsamen Währung TERRA zusammengefasst. Sämtliche Überschüsse aus der neu zu schaffenden Weltwirtschaft – Einnahmen der AKTION aus Lehen abzüglich aller Zahlungen – werden vollständig in die Realisierung der beiden Menschheitsziele investiert: Erhaltung des Lebens auf der Erde; Vorbereitung eines möglicherweise nötigen Exils der irdischen Lebewesen auf dem nächsten bewohnbaren Planeten Proxima Centauri b.

Die Zustimmung der Weltbevölkerung zu diesem Konzept, im Internet erfasst und dokumentiert, war überwältigend, von leichten regionalen und sozialen Unterschieden abgesehen. Unter dem Druck dieses globalen Plebiszits ‒ 8,5 Milliarden positive Voten, 0,5 Mrd. ablehnende ‒ schlossen sich bald zahlreiche Regierungen und Staatenbünde den Vorschlägen der AKTION an, allen voran die Europäische und die Südostasiatische Union. Nach langen und schwierigen Verhandlungen waren diese Staaten und Blöcke grundsätzlich bereit, alle nötigen Kompetenzen für die Erreichung des Doppelziels – das Leben auf der Erde zu sichern und zugleich den optimalen Exilplaneten zu erkunden – auf die AKTION LEBEN zu übertragen.

2

 Vier Wochen, nachdem die AKTION ihr Konzept für die Zukunft des Lebens veröffentlicht hatte, landeten auf der farbig markierten Betonpiste hinter dem Luxushotel***** „Abundancia“ in der chilenischen Atacama-Wüste kurz nacheinander mehrere Hubschrauber, Personaldrohnen und Kleinjets. Diesen entstiegen distinguierte Damen und Herren mittleren und höheren Alters mit Lederköfferchen – betont leger, aber erlesen gekleidet. Sie begaben sich zielstrebig in die Lobby des Hotels, wo man einander mit wissendem Lächeln begrüßte und im Stehen an einem Glas Champagner oder Scotch nippte. Dann erschien der Hotel-Manager und bat die Herrschaften in den reservierten Konferenz-Saal.

Als alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz ihre Plätze eingenommen hatten, die massiven Türen des Saals geschlossen und davor – innen wie außen – je drei Security-Männer postiert waren, erhob sich an einer Stirnseite des Konferenztisches ein braungebrannter Herr mit graumeliertem Haar in blauem Blazer, heller Hose und hellem Poloshirt. Don Myers nickte den Gästen lächelnd zu und begann dann zu sprechen:

„Liebe Mitglieder der GESELLSCHAFT! Ich begrüße Sie zu unserer außerordentlichen Konferenz und danke Ihnen herzlich dafür, dass Sie alle – in der Tat alle Eingeladenen! – erschienen sind. Der Anlass ist Ihnen bekannt und in seiner globalen Bedeutung bewusst: die enormen Erfolge der sogenannten AKTION LEBEN, die unsere Interessen zumindest ebenso vital bedrohen wie die historischen Krisen am Ende beider Weltkriege, beim Abbau des „Eisernen Vorhangs“ in Europa 1989/90, durch die internationalen Währungs- und Banken-Zusammenbrüche in den Jahren nach 2010 sowie durch die beinahe erfolgreiche Revolte gegen unseren dritten Präsidenten in den USA kurz danach. Der Vorstand der GESELLSCHAFT hat zu diesem Thema mehrfach getagt. Er hat sich schließlich vor wenigen Tagen einstimmig auf folgenden Vorschlag an dieses Plenum geeinigt – ich verlese: ‚Der Vorstand fordert das Plenum der GESELLSCHAFT mit höchster Dringlichkeit auf, die Pläne der sogenannten AKTION LEBEN unter Einsatz aller verfügbaren Mittel weltweit zu bekämpfen sowie ihre Aktionsmöglichkeiten und Handlungen konsequent zu blockieren.‘

Nun, meine Damen und Herren, welche konkreten Schritte schlagen Sie vor?“

Lange Sekunden gespanntes Schweigen, dann meldet sich der pakistanische Syndikatschef Abdul al-Albani zu Wort:

„Wir haben im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte immer die besten Erfahrungen mit den macht- und geldgierigen Militärs gemacht. Wir sollten diese gute alte Karte spielen, bevor die AKTION Militär und Waffen ganz abschafft …“

Sofort greift eine Dame mittleren Alters ein, die während al-Albanis Worten konzentriert das Display ihrer Armbanduhr studiert hatte:

„Nein, das ist strategisches Mittelalter. Wir haben schon genug Versager-Militärdiktaturen, zerfallene Staaten und Sozialrevolutionen im Gefolge von Militärputschen gesehen! Wir leben und agieren im post-analogen, vielleicht auch schon im post-irdischen Zeitalter. Deshalb können und müssen wir diese arrogant-erfolgreiche AKTION mit ihren eigenen Waffen schlagen: im Internet, in der digital vernetzten Wirtschaft, in den medial beherrschbaren Parlamenten und in jedem für uns erreichbaren Wohnzimmer.“

Diese scharfe Intervention der CEO des weltweit dominierenden IT-Konzerns GAF.Universe, Sara Hinds, lässt die Spannung im Raum spürbar steigen, als sei dadurch spontan die Bildung zweier unsichtbarer Lager in Gang gekommen. Darauf reagiert der Vorsitzende sofort:

„Ich erlaube mir Sie daran zu erinnern, dass wir uns in der initialen Gesprächsphase des Sammelns, Vergleichens, Diskutierens befinden – nicht in der Phase der Entscheidungen oder gar Aktionen. Ich bitte um weitere Vorschläge.“

Nun melden sich in schneller Folge viele der anderen teilnehmenden Personen und präsentieren ihre – offensichtlich vorbereiteten ‒ Überlegungen:

„Lassen Sie uns den mühsamen, aber sicher lohnenden Weg über die 360 Mitglieder der sogenannten Versammlung und im Gefolge auch über den Zwölferrat gehen – verlockende wissenschaftliche Projekte, durchaus thematisch mit denen der AKTION verwandt, Spitzenpositionen in der Wirtschaft, Stipendien, Lehrstühle an internationalen Hochschulen, Beraterverträge, Forschungsprojekte und -reisen. Wir haben dafür ja alle Ressourcen …“

Dezenter Beifall im Plenum. Ein weiterer Beitrag:

„Meine Gruppe möchte diesen begrüßenswerten Vorschlag ergänzen durch einige Ansätze zur politischen Basisarbeit. Beispiel 1: Die gesetzeskonforme Übernahme des sog. Konzepts der AKTION bedarf in vielen Ländern und Staatenbünden der Zustimmung oder gar Ratifizierung durch die zuständigen Parlamente. Hier sollten wir bei den Parlamentariern durch unsere Politikberater bzw. verdeckten Lobbyisten ansetzen: Argumente wie nationale/regionale Autonomie vs. „Welt-Regierung“ und wahrscheinlicher Verlust der Abgeordneten-Diäten und -Privilegien vs. gesicherte soziale/monetäre Existenz der jetzigen Parlamentarier und ihrer Familien könnten da erfolgreich eingesetzt werden.

Beispiel 2: Wir sollten fundiert wirkende Zweifel an der wissenschaftlichen Basis von Klima-Katastrophe und Exoplaneten-Eignung schüren, wie sie von der AKTION als Fakten vorgegeben werden. Ich verweise auf strukturell ähnliche Situationen in Sachen Atomkraft-Schädlichkeit, Handy-Strahlung, Glyphosat-Krebs, Mikroplastik, Erdgas-Fracking und Konzern-Schiedsgerichte, die wir mit verwandten Mitteln positiv bewältigt haben.“

Jetzt verstärkter, anhaltender Beifall. Der Vorsitzende lächelt verhalten, erteilt der nächsten Rednerin das Wort:

„Ja, all das geht in die richtige Richtung, aber lassen Sie uns nicht vergessen, dass die Schlacht um die Gehirne und damit auch die Wählerstimmen über sämtliche Medien tobt und dort letztlich entschieden wird. Die AKTION hat aufgrund ihrer derzeit überragenden Internet-Kompetenz und Präsenz dort ihre stärkste Bastion. Aber wir kontrollieren institutionell, finanziell, technisch und personell die internationalen Web-Zentren. Lassen Sie uns deshalb mit unseren Netz-Experten sämtliche Möglichkeiten der Überwachung, der Datenkontrolle und -steuerung, der Gebühren-Erhöhung, der technischen Störung, aber auch von sach- und personenbezogenen Falschinformationen sowie der Unterwanderung der zwölf agierenden Internet-Communities eruieren und planvoll einsetzen. Damit greifen wir den basisdemokratischen Denk- und Kommunikationsprozess der AKTION in seinen Wurzeln an.“

Fast alle am Tisch Sitzenden nicken oder klopfen beifällig, eine zunehmend gehobene Stimmung breitet sich aus, während man dem vorerst letzten Beitrag folgt:

„Und wenn wir die vielen einzelnen Erdenbürger aus der Grundstimmung der Bedrohtheit und Hoffnungslosigkeit herausholen wollen, die den Erfolg der AKTION bis hierher ermöglicht hat, dann müssen wir sehr, sehr viel bisher inaktives Kapital – im Notfall die gesamten ‚stillen Reserven‘ – in eine schnelle Verbesserung der konkreten Lebensqualität für die Massen investieren. Das heißt zum Beispiel: flächendeckende, sozial gestufte Subventionierung aller Energiepreise bis zur Bezahlbarkeit von Mobilität, Kühlung/Heizung und Automatisierung für jedermann; geballter Ausbau aller emissionsfreien Energieträger ohne eigene Rendite-Erwartung; freie Altersversorgung im Gegenzug zum Verzicht auf Kinder zwecks Umkehrung des rasanten Bevölkerungswachstums; Freigabe sämtlicher durch uns vom Markt gekaufter Patente in Sachen Klimaschutz, Ökologie, Verkehr, Landwirtschaft, Gesundheit, Medizin/Chemie/Pharma und Ähnlichem. Damit können wir wahrscheinlich über die Bürger selbst der AKTION die Führungsrolle bei der Realisierung der von ihr definierten Menschheitsziele nehmen. Vielleicht locken wir so ja die AKTIONisten direkt unter unsere Fittiche?“

Heiterkeit, verhaltenes Lachen, lang anhaltender Beifall, der vom befriedigt strahlenden Vorsitzenden behutsam gedämpft wird. Nach weiteren Redebeiträgen verkündet er schließlich den Schluss der Sammlungsphase, verweist auf das im Speisesaal wartende „exquisite, chilenisch-planetarische Menü“. Und: „Nach dieser Arbeitspause können Sie die inzwischen von unserem Exekutivbüro schriftlich aufbereiteten Vorschläge in Ruhe studieren, um Ihre Positionen und Fragen zu formulieren. Während der zweiten Konferenz-Phase in der morgigen Vormittagssitzung werden wir sämtliche Ideen konzentriert diskutieren und auf ihre Erfolgschancen und Kosten hin bewerten. Und morgen Nachmittag sollten wir – ggf. nachdem Sie notwendige Rückfragen an Ihre Institutionen, Vereinigungen, Unternehmen getätigt haben – zur Abstimmung über die vom Plenum mehrheitlich akzeptierten Maßnahmen der GESELLSCHAFT kommen. Diese sind danach – entsprechend unserem Gesellschaftsvertrag ‒ für alle verbindlich. – Vielen Dank!“

Als am Abend des folgenden Tages im Hotel-Foyer zum Abschied wieder Champagner und Whiskey angeboten werden, führen alle Tagungsteilnehmer in Ihren Lederköfferchen einen Datenträger samt Papierausdruck mit sich. Die enthaltene Datei trägt die Überschrift:

„Die GESELLSCHAFT schlägt zurück.

Wie die Pläne und Tätigkeiten der AKTION LEBEN neutralisiert werden sollen.

Strengstens vertraulich!“

 
  • Ende Januar 2018: Abschluss einer gründlichen inhaltlichen Überarbeitung und Ergänzung meiner vorliegenden Internet-Seiten
  • 9. März 2018: Landshuter Literatur-Stammtisch, Landshut, „Donna Pina“, Kirchgasse 233, 18.00 Uhr
  • 18. März 2018: „Aus der Art geschlagen?“, Teilnahme an der Literatur-Lesung mit Musik und Bildprojektion zu verfemten Kunstwerken aus der Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst“ (München 1937), Landshut, Skulpturenmuseum im Hofberg, 17.00 Uhr

 

Projekt 1:
Partei-Nummer 109 – ein dokumentarischer Roman

An der Recherche für diesen sozialpsychologisch und politisch motivierten Roman habe ich viele Jahre gearbeitet. Er erzählt die Geschichte und Geschichten von „einfachen Leuten“ aus drei Familien  in Deutschland zwischen 1878 und 1949 – also von der „Kaiser-Zeit“ über den „Großen Krieg“ mit seiner traumatischen Niederlage hinein in die Dauerkrise der Weimarer Republik und bis ins kurze, aber welterschütternde Nazi-„Reich“ mit seinen Kriegen, Völkermorden und „Zusammenbrüchen“. Die Handlung ist konsequent aus der Perspektive betroffener Frauen, Männer und Kinder der Unter- und Mittelschicht geschrieben, nicht aus der Sicht „derer da oben“.

Dabei geht der Text in der Tiefe einer spätestens seit 1945 gestellten und auch heute immer neu zu stellenden Frage nach: Wie konnte das alles im sogenannten „Land der Dichter und Denker“ geschehen? Während der Roman die Lesenden exemplarisch entlang der Lebenswege einiger „ganz normaler“ Menschen durch die unmenschlichsten 70 Jahre deutscher Geschichte führt, werden mögliche Antworten sichtbar.

Die meisten Familien in Deutschland und Österreich hatten über die beschriebenen zwei Generationen näheren oder ferneren Kontakt zu Opfern der jeweils Herrschenden: zu Juden, „Zigeunern“, Sozialisten, Kommunisten, radikalen Christen, Homosexuellen, Behinderten, Andersdenkenden jeder Couleur und – „Fremden“. Dabei haben sich viele als Zuschauer und Mitwisser von massenhaftem Unrecht, oberflächlich betrachtet, „herausgehalten”. Doch zahlreiche ganz normale Deutsche – Bauern, Arbeiter, Angestellte, Beamte, Unternehmer, Richter, Soldaten – sind in beiden Weltkriegen und besonders in der Nazi-Zeit auch zu Tätern unterschiedlichen Grades in in ihren jeweiligen Aktionsbereichen geworden. Und viele Familien haben in ihrem Umfeld deutlich erkennbare Opfer aus ihrem Bewusstsein, auch aus ihren eigenen Kreisen verdrängt und „totgeschwiegen“. Die Verstrickung mit Täter- und Opfer-Rollen in Partner- und Familienbeziehungen, im Beruf, in der Tagespolitik und im gesellschaftlichen Alltag wurde so zur Tiefenstruktur des Lebens von zahllosen Menschen.

Das kollektive Verdrängen und Verschweigen von beobachteten, unterstützten oder aktiv begangenen Verbrechen ebenso wie von wahrgenommenem Opfer-Leid wurde im „Land der Richter und Henker“ erst seit den 1960er Jahren langsam aufgebrochen. Das geschah in späten KZ-Prozessen, durch die APO-Revolte, durch Teile der deutschen Literatur und Presse, in Familiengesprächen; später in der öffentlichen Diskussion, in Gedenkreden, -ritualen und -bauten, in historisch-politischen Untersuchungen, schließlich in Verträgen zur „Wiedergutmachung“. Diese  verzögerte Bearbeitung der deutschen Katastrophe läuft bis heute in einem anschwellenden Strom von Büchern und Filmen über die Taten und Unterlassungen unserer Väter, Mütter, Großväter und Großmütter. Gleichzeitig werden auch die oberflächenhaft wechselnden und doch in ihrem Einfluss sehr konstanten Macht-, Profit- und Ausbeutungssysteme immer sichtbarer, denen vor allem die Menschen der Unter- und Mittelschichten ausgesetzt waren bzw. an denen sie unbewusst oder wissentlich mitwirkten.

Bei den Recherchen zu Familien der unteren sozialen Schichten seit dem 1870er-Krieg gegen Frankreich bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurden mir besonders zwei Dinge klar:

  • Viele individuelle Denk- und Verhaltensweisen, viele Einzelhandlungen, viele subjektive Machtlust- und Leidenserfahrungen haben sich unbewusst zu kollektiven, gesellschaftsprägenden, „Geschichte“ auslösenden sozialen Energien gebündelt.
  • Die lückenlose historische Wahrheit über Personen, Gruppen, Handlungen lässt sich trotz intensivster Recherche und reichlichem Privat- und Archivmaterial nicht ermitteln. Es bleiben z. B. so große Lücken in individuellen Lebensgeschichten und Verhaltensmotiven, dass historische Personen für Nachforschende zwangsläufig zu vorgestellten, also fiktiven Figuren werden. Nur eine relative Wahrheit wird also vom Schreiber einer Geschichte, auch eines dokumentarischen Romans, nacherfunden: Das nicht mehr Auffindbare wird durch das erfindende Schreiben überbrückt – bildlich ausgedrückt: wie von einem Kind, das von einem sicheren Stein zum nächsten über einen Bach springt.

Diese Beobachtungen haben mich davon überzeugt, dass es wenig Sinn hat, einen weiteren „Familienroman“ über die Katastrophenzeit des 19. und 20. Jahrhunderts in Deutschland und Europa zu schreiben. Meine Roman-Geschichte steht deshalb bewusst für viele – im Grundsatz ähnliche – Geschichten, die in dieser Zeit dicht nebeneinander, oft jedoch ohne Kenntnis der Betroffenen voneinander abgelaufen sind. Und meine Roman-Personen sind nicht „echte“ Personen aus historischen Familien oder deren Pseudonyme, sondern Stellvertreter-Figuren für viele andere: Täter oder Opfer oder „Zuschauer“, die es zwar nicht genau so gegeben hat, wie sie aber ähnlich und in großer Zahl am sozialen Prozess beteiligt waren.

Der Text meines Romans Partei-Nummer 109 (Arbeitstitel) gibt mehreren „Stimmen“ Raum, die zusammen eine meist nachvollziehbare, manchmal aber auch rätselhaft bleibende Geschichte erzählen und einander ergänzen. Eingebaut sind an wichtigen Handlungspunkten auch echte Dokumente aus  den 70 Jahren deutscher Geschichte, die in der Erzählung fiktional nacherfunden werden; diese Dokumente spiegeln starke Umwelt-Kräfte, die auf das Empfinden, Denken und Handeln der Roman-Figuren  einwirken.

Das Manuskript meines Romans ist abgeschlossen; ich suche derzeit den geeigneten Verlag für die Publikation.

Wenn Sie Interesse haben, können Sie das Kapitel 3 hier lesen: Leseprobe.

Ich freue mich auf Ihre Leser-Reaktion, z. B. per E-Mail: Kontakt.

 

Vorankündigung

Ich schreibe zur Zeit parallel an zwei Literatur-Projekten, zu denen ich in Kürze Leseproben auf meine Internet-Seite stellen werde:

  • Fluchten. Sieben Erzählgedichte zur Geschichte der Menschen
  • Finale. Ein politischer Roman zur Zukunft des Lebens
 

Projekt 2:
Thematischer Grund- und Aufbauwortschatz Englisch, Neubearbeitung 2009 und Entwicklung neuer Material-Varianten
(Ernst Klett Sprachen GmbH)

Zusammen mit meinem Koautor Recs Jenkins (Emden) erarbeitete ich eine tiefgreifende Neubearbeitung unseres erfolgreichen englischen Lernwortschatzes, die im Juli 2009 bei Ernst Klett Sprachen erschien.
Mit der ersten Ausgabe dieses Buches hatten wir das Material-Angebot für Jugendliche und Erwachsene revolutioniert, die im Unterricht und insbesondere zu Hause englischen Wortschatz wiederholen, festigen und neu lernen wollen. Methodisch hieß das vor allem:

  1. Die Lerninhalte müssen – in der Zielsprache Englisch und in der Muttersprache Deutsch – so angeboten werden, dass sie der wissenschaftlich gesicherten Kenntnis von der Arbeitsweise des menschlichen Gedächtnisses entsprechen.
  2. Also entfiel vor allem die alphabetische Sortierung der Wörter und Ausdrücke früherer Wortschatzbücher – wir wollten ja kein Wörterbuch schreiben! – und wurde durch eine rein thematisch-inhaltliche Struktur ersetzt: Die sprachliche Wirklichkeit wurde in 24 Themen „gegliedert“, diese Themen jeweils wieder in mehrere Unterthemen, jedes Unterthema in zwei Lernniveaus: Grundwortschatz und Aufbauwortschatz. Diese beiden Niveaustufen wurden visuell klar unterschieden, ihr lexikalischer Inhalt nach Häufigkeit und Relevanz für die moderne englische Umgangssprache ausgewählt und verteilt.
  3. Das wichtigste Ergebnis für Englischlernende und Lehrende war die Lernportion: ein thematisch und im Sprachgebrauch eng zusammengehöriges „Wortbündel“ von bis zu 8 Einträgen, das vom Lerner-Gedächtnis als Einheit aufgenommen und gespeichert werden kann. Unser Lernwortschatz mit seinen ca. 100 Unterthemen ist in viele solcher kleinen „Lernportionen“ unterteilt.

Dieses gedächtnisfreundliche Angebot wurde von Lernenden und Lehrenden gleichermaßen begeistert aufgenommen und erklärt im Wesentlichen – neben vielen nützlichen Extras wie Infoboxen zu Sprachgebrauch, Landeskunde und „falschen Freunden“ – den großen Erfolg dieses Lernbuches.

Mit der Neubearbeitung 2009 (Lernniveaus A1–C2 des „Referenzrahmens“) sind wir sprachlich und methodisch erneut einige große Schritte beim Ausbau unserer Konzeption von Wortschatzlernen vorangekommen:

– Die Wortauswahl wurde nach Verwendungshäufigkeit und Relevanz für die einzelnen Themen des Buches auf der Grundlage der neuesten Worthäufigkeitszählungen (Korpora) gründlich überarbeitet und aktualisiert.
– Sämtliche Lernportionen wurden deshalb – mit maximal 8 englischen Lernstichwörtern – neu zusammengestellt.
– Inhaltlich-sprachlich einander zugehörige Lernportionen aus Grund- und Aufbauwortschatz folgen nun direkt aufeinander. In der bisherigen Ausgabe waren sie pro Unterthema in zwei großen Blöcken zusammengefasst. (Diese bisherige Ausgabe bleibt weiter im Verlagsprogramm.)
– Ganz neu ist ein Vorspann mit lernpsychologisch motivierten und in der Praxis bewährten Arbeitstipps für die Lernenden.
– Um das Hören und Sprechen aktiv ins Wortschatzlernen einzubeziehen, wurden sämtliche englischen/amerikanischen Stichwörter, Ausdrücke/Kollokationen und Satzbeispiele mit britischen und US-Muttersprachlern im Tonstudio aufgenommen und stehen nun als MP3-Dateien auf einer ins Buch integrierten Audio-CD-ROM zur Verfügung (Laufzeit: 13 Std. 35 Min.).

2011 wurde unser Wortschatz-Lernsystem um zwei Papierkarteien nach dem bewährten „5-Fächer-Prinzip“ erweitert: die Lernkartei Thematischer Grundwortschatz Englisch (4000 Stichwörter auf 873 Karteikarten, Niveaus A1–B1) und die Lernkartei Thematischer Aufbauwortschatz Englisch (3000 Stichwörter auf 808 Karteikarten, Niveaus B2–C2).

2014 kam die erste digitale Version auf den Markt: der komplette Thematische Grund- und Aufbauwortschatz Englisch als E-Book mit vielen internen Links und Suchfunktion – natürlich in allen gängigen E-Book-Formaten.

2017 erschien die neueste Version unseres Lernsystems: Das Buch mit Audio-CD-ROM und zwei integrierten phase6-Apps zum Wortschatzlernen auf Smartphone, Tablet und PC/Mac.

Die fünf wichtigsten gedruckten Titel des Thematischen Grund- und Aufbauwortschatzes Englisch, die Neuausgabe 2009, die Ausgabe mit Wortschatz-Apps von 2017 sind auch portofrei über den Autorenwelt Shop zu beziehen, eine Internet-Buchhandlung, die die AutorInnen ihres Sortiments am Verkaufserlös beteiligt:

Die Ausgabe des Thematischen Grund- und Aufbauwortschatzes Englisch (2001 ff.), die beide Wortschatz-Lernniveaus pro Unterthema blockweise trennt, ist mit den begleitenden Materialien Trainingsbuch und Übungsblätter weiter lieferbar.

 

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